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Constantin Seibt, gezeugt in einem spanischen Hotelsilo und geboren am Fastnachtssonntag 1966 in Frankfurt am Main, ist tätig als Journalist, Parodist, Kolumnist, Komiker und Literat. 1992 erschien sein Erstling «Das Un-Glück» bei Paranoia City, 1997 «Das Buch Monster» im Verlag WoZ, 2007 «Der Swissair-Prozess» bei Echtzeit. Für diese Reportagen erhielt Seibt den Zürcher Journalistenpreis.

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Constantin Seibt
BAD NEWS
13 Kurzgeschichten

und ein wirkungsgeschichtliches Nachwort

«Wenn Wehmut und Witz sich paaren, gebären sie in aller Regel grosse Geister. Seibt beweist mit seinen Kurzgeschichten, dass er ein Kind dieses Paars ist.» Min Li Marti

Taschenbuch 96 Seiten
ISBN 978-3-906566-13-9
2. erweiterte Auflage 2010
Ladenpreis ca. CHF 14.- EUR 9.-

 

Leseprobe aus: Goethe und Marihuana

... Nun, hub von Spiess an, nachdem er sich die Lippen befeuchtet, ob es Wirkung zeige? Er jedenfalls spüre, wie das Poetische nur so aus ihm herausbreche. Gerade sei ihm der Satz Mit dem Löffel muss man das Gleiche aus dem Wirklichen schöpfen eingefallen. Schiller erwiderte, dass ihm nichts derartiges in den Sinn getreten sei, allein, ihm sei etwas unpässlich. Darauf bemerkte Studiosus Munster, Unpässlichkeit sei ein Problem beim ersten Rauchen des Kräutleins, aber jeder Anfang sei stets schwer, und auch die Unpässlichkeit gäbe sich; ihm, Munster, gehe es augenblicklich ungeheuer wohl. Er, meldete sich darauf cand. phil. von Spiess, fühle sich, als ob er mit dem Weltganzen in gemütlichste Verbindung trete. Man müsse nämlich wissen, dass schon die Altvorderen Hanf gekannt und genutzt hatten &endash; die urdeutsche Gemütstiefe habe hier ihre bäuerlichen WurzelnÉ Derlei Wunderlichkeiten brachte er darauf viele hervor, als er durch ein eigentümliches, krankhaftes Kichern Schillers unterbrochen wurde, in welches die anderen sofort einstimmten, ich unwillig mit inbegriffen.

Mein Zustand war der seltsamste: allerlei trübe Gedanken umflossen mich wie kalte Goldfische in einem Glase, allein ich erhaschte keinen und blieb gelangweilt, was sich mit immer stärkerem Unwillen mischte, als ich bemerkte, dass die drei, die mit Fleiss zu reden anhuben, was wunders sie fühlten und dächten, diese Reden schon oft gehalten hatten und gleich einem Marketender, welcher seine Ware mit denselben Worten schon tausendmal angepriesen, gleichsam mit der Stimme eines Mühlrades klapperten, wobei sie mir und dem armen Schiller, welchem der Schweiss auf der Stirne stand, mit grosser Wonnigkeit und beständigem Blinzeln Vorträge über die medizinische Wirksamkeit ihres Kräutleins hielten, welches das Krebsleiden, die rheumatischen Anfälle, Erkältungen sowie kolischen Durchfall heilen solle. Hierauf verteilten sie Papier, die aussergewöhnlichen poetischen Steigerungen der Kreatur unter Hanf festzuhalten: Ich schrieb ein zwei magere Sonette, die wenig Wert hatten, Schiller eine Ballade, beginnend mit den Zeilen Ein frommer Knecht war Fridolin / Ergeben der Gebieterin, welche noch weniger Wert hatte. ...

(Zur Wirkungsgeschichte vgl. das Nachwort zur 2. Auflage)

* * *

Very Short Story: The Missing Link

In den letzten zwanzig Jahren war Hansjörg Hungerbühler sicher um dreissig gealtert. Er bemerkte es nicht, weil es langsam gegangen war, und auch seine Frau schwieg darüber. Denn sie liebte ihn immer noch und hatte sich an ihn gewöhnt. Als sie sich kennenlernten, sass er beim COOP Glattbrugg an der Kasse; jetzt war er Filialleiter in der migros gegenüber und ein kleiner, energischer Bauch hatte sich unter seine Krawatte geschoben.

Es war ein Montagmorgen; er und sie sassen in der Küche, die nach Kaffee roch. Auf dem Tisch lag die NZZ; sie las den Inlandteil, er die Seite «Forschung und Technik».

«Frau», sagte er: «Weisst du, was die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft sind? Die Evolution bewegt sich in Sprüngen fort, und nicht, wie man immer geglaubt hat, über Jahrmillionen.» Er las vor: «Die Suche nach dem Missing Link, (also den fehlenden fossilen Verbindungsliedern zwischen verschiedenen Arten), kann somit als illusorisch bezeichnet werden und erübrigt sich, ebenso wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei, welche neuerdigs beantwortbar ist: Das Huhn kam vor dem Ei.»

«Du bist auch ein grosses Ei», sagte sie freundlich und wurde rot, weil ihr das eingefallen war. «Du hast mich geheiratet, du musst es wissen», brummte Hungerbühler, der sich immer freute, wenn seine Frau sich freute.

Es war halb Acht, die Küchenuhr schnarrte zwei Mal, und er stand auf, um an die Arbeit zu gehen. Im Büro bekam Hungerbühler leichte Magenschmerzen. In der Znünipause trank er einen Pfefferminztee. Beim Mittagessen bestellte er das vegetarische Menü und trank einen Kirsch, aber die Schmerzen verstärkten sich. Gegen zwei schluckte er ein Tonopan. Das erwies sich als Fehler. Denn wenig später ging er auf die Toilette und gebar dort drei Schmurkel.

Es waren noch keine perfekten Exemplare: Sie besassen nur drei statt fünf lindgrüner Augen, minimal entwickelte Stützschwänze und nur etwa viermal mehr Intelligenz als der Mensch. Ausserdem hielten sie Hungerbühler für die Nachgeburt und frassen ihn auf.

«Constantin Seibt demonstriert im Buch "Bad News", wie man funktionierende Stories zu Papier bringt. Er mischt einen organischen Cocktail aus Science Fiction, schwarzem Humor, schlimmstmöglichen Wendungen und natürlich der Liebe. Ein gutes Buch - kauft es trotzdem.» Philippe Amrein, ZS, Zürich

«Heiraten in Glasgow und Goethe und Marihuana munden auch nach wiederholtem Genusse vortrefflich. Kaufen! Kaufen! Kaufen!.» Felix Epper, Toaster, Zürich

«Constantin Seibt ist wahrscheinlich unter den Schweizer Journalisten der beste Schreiber.» Christian Mensch, Basler Zeitung

 

last update 2010|03|04