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Massimo Lardi, geboren 1936 in Le Prese bei Poschiavo GR, schloss an der Universität Zürich italienische Literatur mit dem Doktortitel ab. Er unterrichtete zehn Jahre an der Sekundarschule in Poschiavo und 32 Jahre am Bündner Lehrerseminar in Chur. Er war gleichzeitig Publizist und Autor von Theaterstücken und Erzählungen. Während 10 Jahren leitete er die Kulturzeitschrift «Quaderni Grigionitaliani». Für seine literarische Tätigkeit wurde ihm 2008 vom Kanton Graubünden der Anerkennungspreis verliehen.
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Massimo Lardi
EXPORT ZWEI
Eine Schmuggler-Geschichte aus dem Puschlav

aus dem Italienischen von Matteo Lardi
mit einem Nachwort des Protagonisten und zwei Landkarten

Original erschienen unter dem Titel «Dal Bernina al Naviglio» bei Armando Dadò, Locarno 2002

Mit «Export zwei» - wie der durch die Schweiz tolerierte Schmuggel genannt wurde - bietet Massimo Lardi eine wahre Geschichte aus den Alpen, wie sie auf Deutsch noch nie zu lesen war. Einen Roman, «pulsierend von echtem Leben».

Taschenbuch 192 Seiten
ISBN 978-3-906566-12-2
2. Auflage 2010
Ladenpreis ca. CHF 18.- EUR 12.-

 

Man schrieb das Jahr 1958, das dreizehnte seit Kriegsende.

Damals durchquerten jährlich nicht weniger als tausend Tonnen Kaffee und Millionen von Zigarettenstangen die Grenze vom Puschlav ins Veltlin. Für Rom war es Schmuggel, den es mit einem Heer von Beamten und mit Gesetzesverschärfungen zu unterdrücken versuchte. Für Bern aber war es absolut gesetzmässiger Handel, der sich nur den Ausfuhrformalitäten unterziehen musste, der so genannte Export zwei, welcher der Eidgenossenschaft teilweise die staatliche Fürsorge finanzierte.

Die Situation war eine ganz andere als während der Kriegszeit und in den ersten Nachkriegsjahren, als der schweizerische Schwarzmarkt einen grossen Hunger nach Ess-, Gummi- und Textilwaren, das Veltlin einen verzweifelten Bedarf an Salz hatte. Jetzt trat der enorme, an Genussmitteln unersättliche Schwarzmarkt Italiens auf den Plan und stellte jeden anderen Grenzverkehr in den Schatten. Den von Rom verhängten repressiven Massnahmen gegen die unerlaubte Einfuhr setzten die Grenzleute raffinierte Ablenkungsstrategien entgegen, um von der günstigen Konjunktur den höchstmöglichen Nutzen zu ziehen. Tag und Nacht, am Sasso del Gallo, am Salto del Gatto und an vielen andern Punkten der von Bern am weitesten entfernten, aber Gott sehr nahen Grenzlinie passierten unzählige Tonnen von Kolonialwaren auf den Schultern von Legionen von Veltliner Spalloni, die entweder auf eigene Faust oder von italienischen Unternehmern angeheuert arbeiteten. Von ihren Puschlaver Kollegen wurde die Ware mit Motorfahrzeugen, Seilbahnen, Maulesel- und Pferdekarawanen in die Ausgangsstationen befördert.

Eine Unmenge von Schmuggelgut fuhr aber auch, in Autos sorgfältig versteckt, direkt durch den Zoll von Piattamala.

*

Mit ihrem klapprigen roten Ford-Lieferwagen fahren sie zu dritt die Seestrasse entlang, mit angespannten Gesichtern und hämmerndem Puls: Carlo, Giovanni und Vittore. Das Reserverad und ihre Kleider sind mit filterlosen ÐParisiennesð vollgestopft. Carlo, 21-jähriger Student, eine Frisur wie der Schauspieler Gassman, mit weitem Pullover, Röhrenhosen und spitzen Schuhen, hat das Fahrzeug beschafft.

Vittore, gut aussehender Mann gegen die Fünfzig, schweigsam und finster, Ex-Bersagliere und Ex-Partisan aus Tirano, trägt Doppelreiher und Mantel. Er ist die Seele der Expedition; er liefert das Kapital und die Beziehungen. Im Übrigen werden Risiko und Gewinn geteilt. Das ist ihr erster Versuch. Es ist Samstagabend, und sie fahren nach Sondrio, zum Resca, auch er ein Ex-Partisan, der jetzt Gastwirt ist und eben ÐParisiennesð raucht.

Giovanni, Carlos Bruder, 19-jähriger Maurerlehrling, Haare à la Robert Taylor, Windjacke, Kordhose, ist als Helfer dabei. Für ein kleines Trinkgeld versteckt auch er ein paar Päcklein Zigaretten und erhöht so den Umsatz. Er ist der Erste, der etwas sagt: «Hoffentlich müssen wir am Zoll nicht aussteigen.»

«Das erste Mal kann es ja so gehen», meint Vittore wenig überzeugt. Aber da er für den Moment keine besseren Mittel hat auftreiben können, vertagt er die Ausarbeitung von weniger gefährlichen Strategien auf einen späteren Zeitpunkt. Er schüttelt den Kopf. Er ist besorgt, es ist auch für ihn eine neue Erfahrung.

In Miralago erstarrt Vittore vor Schrecken, als eine schwarze Katze vor ihnen die Strasse überqueren will. Aber sie kehrt um, und er beruhigt sich wieder: «Fahren wir weiter. Wäre sie vor uns über die Strasse, hätte sie uns Unglück gebracht.»

Ohne Halt fahren sie durch den Schweizer Zoll.

Am italienischen Zoll steigt Vittore schnell aus und stellt sich hinter den Lieferwagen, bis der Finanziere die Formalitäten erledigt hat: «Haben Sie Waren zu verzollen?»

«Nein.»

«Bitte schön», und gibt das Zeichen weiterzufahren. Nun kehrt Vittore an seinen Platz zurück; sehr erleichtert fährt Carlo in Richtung Sondrio weiter und lässt die zahlreichen weiten Kurven und die unendlichen Geraden von Villa, Tresenda, San Giacomo, Chiuro hinter sich zurück. Unendlich für ein Fahrzeug, das mit Mühe und Not 70 Stundenkilometer schafft.

«Hoffentlich bekommen wir keinen Platten», sagt Carlo.

«Und wenn wir einen Platten haben?», fragt Giovanni.

«Wir werden keinen Platten haben», meint Vittore bestimmt. «Aber wenn es trotzdem passiert, werde ich den Schlauch rasch zu flicken wissen. Ich habe in jedem Dorf Partisanenfreunde.»

«Ein Roman, pulsierend von echtem Leben, in dem eine vielstimmige Debatte geführt wird über die Existenz, den Menschen und seine Würde.» Andrea Paganini, Quaderni Grigionitaliani, Chur

«Als ländlich-sittlicher Bildungsroman zeigt er besser als jeder Leitartikel ein umfassendes Bild nicht nur des Tales, sondern auch und besonders eine schweizerisch-italienische Realität, eine Bündner-Veltliner-Realität, ein Abbild des Lebens und der ganzen Welt.» Grytzko Mascioni, Bündner Tagblatt, Chur

«Ein unerwarteter Beitrag von Alpinität zur Literatur.» Eugenio Corti, im Vorwort der Original-Ausgabe

«Lardi ist es gelungen, auf kunstvolle Weise das Phänomen des Schmuggels darzustellen in seiner kulturellen und anthropologischen Bedeutung für zwei benachbarte Gemeinschaften, sowie die Bedeutung herauszuarbeiten, die dabei das Verbot spielt.» Franco Monteforte, La Provincia diSondrio

last update 2010|03|04